Joachim „Jogi“ Brunnlehner war kein gewöhnlicher Tourist. Er war ein „Capturer of Light“, ein „Visual Storyteller“, zumindest laut seiner frisch gedruckten Visitenkarten. In Wahrheit war er Oberstudienrat a.D. aus Bottrop, aber mit seiner neuen Ausrüstung fühlte er sich wie die uneheliche Reinkarnation von Ansel Adams und Indiana Jones.
In seinem maßgefertigten, gepolsterten Koffer, einem Meisterwerk aus kriegstauglichem Polymer, ruhte das „Biest“: Die Lumina X-100. Einhundert Megapixel. Ein Mittelformatsensor, so groß, dass er Lichtstrahlen angeblich schon beim Vorbeifliegen einsaugte. Dazu ein 600mm-Teleobjektiv, das beim Ausfahren die Ausmaße eines Flugabwehrgeschützes annahm. Kostenpunkt: Ein gehobener Mittelklassewagen. Joachim hatte dafür zwei Bausparverträge und das Erbe seiner Tante Gerda geopfert. Aber was war Geld gegen den Sieg beim diesjährigen Fotowettbewerb des „Buxtehuder Blenden-Clubs“? Er sah den hämischen Blick seines Rivalen Herbert schon vor sich, wenn Joachim die Barthaare eines namibischen Löwen in einer Auflösung präsentieren würde, die es erlaubte, die Bakterien auf der Zunge des Tieres zu zählen.
Die Anreise war ereignislos verlaufen, was Joachim als gutes Omen deutete. Als er jedoch das „Dusty Savannah Camp“ erreichte und aus dem klimatisierten Geländewagen stieg, traf ihn die namibische Realität wie eine heiße, sandige Ohrfeige.
„Willkommen, Herr Brunnlehner!“, begrüßte ihn Guide Moses. „Bereit für die Big Five?“
Joachim nickte nur kurz angebunden. Er suchte nicht nach Tieren, er suchte nach Komposition. Er riss seinen Koffer auf, um das „Biest“ zu montieren. Hier begann die erste Strophe seiner Tragödie.
Namibia besteht im Wesentlichen aus Wind und einer Substanz, die man dort „Staub“ nennt, die aber eigentlich fein gemahlener Korund ist, der die Eigenschaft hat, in jede Ritze einzudringen, die nicht auf atomarer Ebene versiegelt ist. Als Joachim das Objektivgehäuse öffnete, um das Glas an den Korpus zu schrauben, ertönte ein winziges, kaum hörbares „Pling“.
Ein Sandkorn. Nicht irgendein Sandkorn. Das Mutter-Sandkorn der Kalahari. Es war genau in den Bajonettverschluss der 25.000-Euro-Kamera geweht worden. Joachim wurde bleich. Mit der Präzision eines Neurochirurgen und dem Schweißausbruch eines Entschärfers von Atombomben versuchte er, das Korn wegzupusten. Doch statt zu verschwinden, entschied sich das Sandkorn, tiefer zu wandern, direkt hinter das Schutzglas des Sensors.
„Nicht so schlimm“, murmelte er, während sein linkes Augenlid nervös zuckte. „Die Software rechnet das raus. 100 Megapixel kompensieren das.“
Die erste Pirschfahrt begann bei Sonnenuntergang, die „Goldene Stunde“. Der Traum jedes Fotografen. Die Savanne leuchtete in Farben, für die Joachim die entsprechenden RAW-Filter bereits im Kopf sortiert hatte. Plötzlich stoppte der Wagen.
„Dort“, flüsterte Moses. „Der große Leopard. Auf dem Akazienast. Eine Seltenheit!“
Es war das Motiv. Der Gral. Der Leopard lag perfekt da, die untergehende Sonne zeichnete eine Aura um sein geflecktes Fell. Joachim hievte das 600 mm -Monster-Teleobjektiv auf das Stativ. Er schaltete die Lumina X-100 ein. Das Display erwachte zum Leben.
„Fehler 0x04: Objektiv-Kommunikation gestört“
Joachim erstarrte. Der Sand. Das winzige Korn blockierte offenbar einen der Goldkontakte. Er rüttelte am Objektiv. Ein Geräusch, als würde man Glas mit einer Metallpfeile bearbeiten, drang aus dem Inneren der High-Tech-Mechanik. Das Tier auf dem Baum gähnte.
„Komm schon, du elektronische Mistkröte!“, zischte Joachim. Er löste die Arretierung und setzte neu an. Mit einem beherzten Ratsch rastete es ein. Das Display leuchtete blau: Bereit.
Er blickte durch den elektronischen Sucher. Der Autofokus, eine Wunderwaffe der modernen Technik mit 4.000 Messfeldern, suchte das Ziel. Aber der Algorithmus der Kamera war auf „Gesichtserkennung“ programmiert. In der afrikanischen Steppe interpretierte die KI eine besonders struppige Akazie links vom Leoparden als Gesicht. Der Fokus raste hin und her, während der Leopard anfing, sich den Hintern zu lecken, eine Pose, die im Buxtehuder Fotoclub weniger Bewunderung finden würde.
„Manueller Fokus!“, herrschte Joachim sich selbst an. Er drehte am Einstellring. Das Bild wurde scharf. Atemberaubend scharf. Er sah jedes Härchen, jedes Funkeln in den Augen des Raubtiers. Er legte den Finger auf den Auslöser.
In diesem Moment entschied eine afrikanische Tsetsefliege, dass Joachims verschwitzter Nacken der perfekte Ort für ein Abendessen war. Der Stich war wie ein kleiner Elektroschock. Joachim zuckte zusammen. Sein Finger drückte ab.
Klick-Surr.
Die Kamera speicherte. Bei 100 Megapixeln dauerte das Speichern auf die High-End-Speicherkarte satte drei Sekunden. In diesen drei Sekunden geschah Folgendes: Joachim verlor durch den Schreck das Gleichgewicht, das Stativ, nicht für sandigen Boden und ruckartige Bewegungen im Wagen konzipiert, neigte sich, und das gesamte Ensemble aus Gehäuse und Sechshunderter-Tele kippte vornüber gegen die Reling des Jeeps.
Es gab ein Geräusch, das jedem Ästheten das Blut in den Adern gefrieren ließe. Knack. Die Sonnenblende aus Carbon verabschiedete sich in Richtung Steppe.
„Hab ich es?“, keuchte Joachim und ignorierte den Schmerz im Nacken. Er sah auf das Display. Er hatte ein Bild gemacht. Es war messerscharf. Aber da er beim Abdrücken gezuckt hatte, zeigte das Foto nicht den Leoparden. Es zeigte in herrlicher, forensischer Detailgenauigkeit den rechten Vorderreifen des Safari-Wagens und ein Büschel vertrockneten Elefantendung. Man konnte in der Vergrößerung die einzelnen Ballaststoffe der Mahlzeit von vor drei Tagen erkennen. 100 Megapixel kannten keine Gnade.
„Wunderschön“, sagte Moses trocken. „Der Kot eines Bullenelefanten. Sehr glücksbringend.“
Joachim verbrachte die halbe Nacht im Camp damit, das Objektiv mit einem Pinsel zu bearbeiten, den er in seiner Panik mit Gin getränkt hatte, da er seine Spezialreinigungsflüssigkeit im Badezimmer in Bottrop vergessen hatte. Der Gin hinterließ einen klebrigen Film auf den Linsen, der für einen „interessanten Weichzeichner-Effekt“ sorgte, wie er sich einzureden versuchte.
Tag zwei sollte die Rettung bringen. Die Fahrt zu den Wasserlöchern. „Hier kriegst du die Löwen beim Trinken“, versprach Moses. „Spiegelglattes Wasser.“
Joachim war bereit. Er hatte das Stativ mit Panzertape am Wagenrahmen fixiert. Er hatte die automatische Gesichtserkennung abgeschaltet. Er war eine Maschine. Ein Foto-Terminator.
Gegen Mittag näherten sie sich einer Gruppe von Löwen. Eine stolze Mähne, ein echter König. Der Löwe trottete zum Wasser. Die Spiegelung war perfekt. Joachim hielt den Atem an. Das Licht war zwar grell, aber sein Sensor hatte ja einen Dynamikumfang, der eigentlich nur in der Astrophyik benötigt wurde.
Er suchte das Motiv im Sucher. Da! Der Löwe senkte den Kopf. Die Zunge berührte das Wasser.
PIEP. PIEP. PIEP.
Die Kamera ging aus.
Joachim starrte auf das schwarze Glas. „Was...? Nein…“ Er riss das Akkufach auf. Er hatte am Abend zuvor im Rausch der Gin-Reinigung vergessen, das Ladegerät an das marode Stromnetz des Camps anzuschließen. Der Akku war leer. Mausetot.
Kein Problem, dachte Joachim, sein Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein gefangener Vogel. Er hatte den Ersatzakku. Er griff in die Seitentasche seiner Safari-Weste. Die Tasche war leer.
„Moses! Wo ist mein kleiner schwarzer Koffer mit den Akkus?“ Moses sah ihn mitleidig an. „Der, den Sie gestern Abend zum Kühlen auf den Tisch gestellt haben, wegen der Hitze?“ Joachim erinnerte sich. Er hatte die Akkus nach draußen gelegt, damit sie bei der Hitze nicht überhitzten.
„Dort“, sagte Moses und zeigte auf eine Gruppe junger Paviane, die sich etwa fünfzig Meter vom Camp entfernt an einem Schutthaufen amüsierten. Einer der Paviane hielt ein glänzendes, rechteckiges Objekt in der Hand und biss herzhaft darauf herum. Ein anderer schleuderte einen weiteren Gegenstand wie einen Diskus in das dichte Dornengestrüpp.
Es waren Joachims Akkus. Die Spezialakkus für die Lumina X-100. Kosten pro Stück: 180 Euro. Verfügbarkeit in Namibia: Null.
In diesem Moment passierte etwas in Joachim. Eine Sicherung brannte durch. Er stieß einen gutturalen Schrei aus, sprang aus dem Geländewagen, entgegen aller Sicherheitsregeln, und rannte auf die Paviane zu.
„Gebt mir mein Zeug zurück, ihr Primaten!“
Die Paviane, die in ihrem Leben schon viele Touristen gesehen hatten, aber noch nie einen 60-jährigen Deutschen im beigen Tropenoutfit, der mit den Armen fuchtelte wie eine Windmühle auf Speed, ließen die Beute fallen und suchten das Weite.
Joachim hechtete in den Staub. Er rettete den ersten Akku. Er war zerkaut, die Kontakte verbogen, das Plastikgehäuse von Pavianzähnen perforiert. Er suchte den zweiten. Er fand ihn im dornigen Busch. Als er ihn herausfischen wollte, blieb sein Hemd hängen. Er riss fest daran. Ratsch. Der Ärmel war weg. Sein Unterarm sah nun aus, als hätte er einen Kampf mit einer rachsüchtigen Drahtbürste verloren.
Aber er hatte den Akku. Er war dreckig, aber schien intakt. Er rannte zurück zum Wagen, schob den Akku in die Kamera und... sie lebte! 12 % Ladung. Genug für das Bild des Jahrhunderts.
„Fahr weiter, Moses!“, brüllte er.
Sie erreichten eine Herde von Zebras, die gerade in perfekter V-Formation eine Staubpiste kreuzten. Das Licht der sinkenden Sonne brach sich im Staub, den die Hufe aufwirbelten. Es war ein Gemälde. Es war Kunst. Joachim schwenkte die Kamera.
Durch das Gin-Film-Verschmierte Objektiv und das im Sandsturm zerkratzte Gehäuse sah das Bild auf dem Monitor etwas milchig aus, aber der Moment war unbezahlbar. Joachim drückte auf den Auslöser. Dauerfeuer! Die Lumina X-100 schaffte zwar nur drei Bilder pro Sekunde bei der Auflösung, aber jedes einzelne war ein Epos.
Klack, Klack, Klack, Krirrrr.
„Krirrrr?“
Joachim sah auf das Display. „Keine SD-Karte vorhanden.“
Stille. In Joachims Kopf explodierte eine Supernova aus Scham und Selbsthass. Er hatte die Speicherkarten am Abend zum Sichern auf sein Laptop im Camp herausgenommen. Die Karte steckte noch im Schlitz des Klapprechners, der zwei Stunden Fahrzeit entfernt auf seinem Bett lag.
In der Ferne lachte ein Hyäne. Joachim war sich sicher, dass sie ihn auslachte.
Die Woche verging wie ein Fiebertraum. Alles, was Joachim noch versuchte, endete in einer Farce.
Er versuchte ein Makro-Foto eines Skorpions, fiel dabei nach hinten und setzte sich direkt in einen „Wait-a-bit“-Dornenbusch, was eine zweistündige Pinzetten-Operation durch den Camp-Koch erforderte.
Er fand eine seltene Eule, aber gerade als er den Ersatzakku (den zerkauten) reanimiert hatte, kackte ein Marabu direkt auf die Frontlinse seines 600mm-Objektivs. Die Säure des Vogeldrecks fraß sich innerhalb von Minuten in die Nano-Beschichtung der Linse.
Am letzten Tag saß Joachim resigniert auf der Veranda seines Zeltes. Die Lumina X-100 lag wie ein geschlagener Krieger neben ihm. Ein Teil des Gehäuses war mit Klebestreifen geflickt, die Frontlinse sah aus wie eine Milchglasscheibe aus einem 70er-Jahre-Badezimmer, und der Autofokus machte Geräusche, die an eine Kaffeemühle erinnerten.
Plötzlich landete ein kleiner, unscheinbarer Vogel auf dem Geländer, direkt vor seiner Nase. Er war wunderschön, in schillerndem Blau und Gold. Das Licht war perfekt. Der Vogel blieb sitzen. Er schien ihn anzusehen, den traurigen Mann mit dem beigen Hemd, dem ein Ärmel fehlte.
Joachim seufzte. Er griff nicht nach dem 100-Megapixel-Biest. Er zog langsam sein Smartphone aus der Tasche. Es war drei Jahre alt und hatte eine gesprungene Scheibe.
Zip.
Er machte ein Foto. 12 Megapixel. Leicht verwackelt. Der Vogel flog weg.
Zwei Wochen später. Fotoclub Buxtehude. Herbert präsentierte seine Aufnahmen aus dem Bayerischen Wald. Gestochen scharf, langweilig, technisch perfekt. Die Mitglieder nickten höflich.
„Und nun“, verkündete der Clubvorsitzende, „Joachim Brunnlehner mit seinen Eindrücken aus der Wildnis Namibias.“
Joachim trat vor. Er hatte keine RAW-Dateien dabei. Er hatte kein einziges 100-Megapixel-Bild. Auf dem USB-Stick war nur eine einzige Datei.
Das Bild erschien auf der Leinwand. Der kleine, blaue Vogel auf der Veranda. In der Reflexion des Vogelauges, wenn man ganz genau hinsah und die Pixel des Smartphone-Fotos digital bis zum Gehtnichtmehr aufblies, sah man Joachim. Man sah einen Mann mit zerrauften Haaren, Schürfwunden am Arm, Gin-Flecken auf der Weste und einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen absolutem Wahnsinn und tiefer Erleuchtung lag.
Die Runde schwieg. „Dieses Bokeh“, flüsterte Herbert ehrfürchtig und deutete auf die Unschärfe, die eigentlich nur durch das fettige Display des Smartphones entstanden war. „Dieser Minimalismus. Joachim, das ist... das ist mutig. Das ist Kunst!“
Joachim gewann den ersten Preis. Den goldenen Objektivdeckel. Er nahm ihn entgegen und dachte an die Lumina X-100, die jetzt in Bottrop bei der Reparatur war. Der Kostenvoranschlag belief sich auf 8.400 Euro.
„Tja“, sagte er zu Herbert und nippte an seinem Sekt. „Technik ist eben nicht alles. Man muss das Licht fühlen.“
Dabei dachte er an das Sandkorn in Namibia, das wahrscheinlich gerade dabei war, die nächste Kamera eines ambitionierten Hobbyfotografen von innen zu fressen. Und zum ersten Mal seit zwei Wochen musste er wirklich lachen. Es war ein leicht hysterisches Lachen, aber das musste ja keiner wissen.